Das Projekt
Dieses Projekt fing in der Zeit des Ersten Weltkrieges an, genau gesagt im Jahr 1915, als Franz Josef Umlauft, ein begeisterter Amateurfotograf und Landeskind aus einem Grenzdorf Lipová (damals Spansdorf), versuchte sein Heimatdorf, mit Hilfe seines Freundes Rudolf Jenatschke, eines Aussiger Katecheten, fotografisch zu dokumentieren. F.J. Umlauft (geb. 1883) studierte Deutsch, Lateinisch und Griechisch an der Karls-Universität Prag, war tätig auf mehreren deutschen Gymnasien und 1913 wurde er zum ordentlichen Professor auf dem deutschen Gymnasium in Aussig an der Elbe ernannt. In 1920 übernahm er die Leitung des Aussiger Stadtarchivs und 1922 wurde er sogar mit der Funktion eines Bezirkskonservatoren am Nationalen Denkmalschutzamt betraut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er ebenso wie die Mehrheit der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei vertrieben, und bis zu seinem Tod (1960) lebte er in Bayreuth, Deutschland.
Seine fotografische Aufzeichnung von Lipová hängt bestimmt damit zusammen, dass er in dieser Zeit die Unterlagen zur Geschichte und Genealogie des Dorfes zu sammeln begann. Diese Arbeit hat er leider nie fertig gebracht und seine zahlreichen Notizen zusammen mit den in ein kleines Album ,,Bilder aus meinem Heimatdorf" eingeordneten Kontaktabzügen sind im Archiv der Stadt Aussig verwahrt.
Das Album “Bilder aus meinem Heimatdorf” beinhaltet 77 Fotos, auf denen alle damalige Häuser in Lipová mit ihren Bewohnern sowie eine ganze Reihe von breiteren Aufnahmen des Dorfes erfasst sind. Die Bilder sind sorgfältig zusammengestellt und bieten uns einen komplexen und meist einzigartigen Ansicht von einem kleinen und ziemlich unbedeutenden Dorf. Diese unter Archivaren relativ wohl bekannte Fotokollektion wurde vor einigen Jahren vom Fotografen Jan Vaca “entdeckt”, der sich anschliesslich entschieden hat, an sie anzuknüpfen.
Im März 2005, genau 90 Jahre später, begann eine Gruppe von Fotografen - Martina Novozámská, Jan Vaca und Jaroslav Vraj - nach Lipová mit einem klaren Ziel regelmäßig zu fahren: und zwar genau die gleichen Stellen, von den aus F.J. Umlaufts und R. Jenatschkes Aufnahmen gemacht wurden, wieder zu finden und den aktuellen Zustand zu fotografieren. Wir versuchten es, mit ähnlicher Technik und Negativformat zu arbeiten, und deshalb haben wir eine Großformatkamera benutzt.
Zweck des Projektes
Wir wissen, dass dieses von uns angewandtes Prinzip der Vergleichung nicht besonders originell ist - als wohl das schönste Beispiel kann die umfangreiche Publikation Letem èeským svìtem angeführt werden -, dennoch sind wir der Meinung, dass im Fall Lipová es noch um etwas anderes geht, und zwar aus zwei Gründen. Nur wenige Dörfer haben solche komplexe und ausführliche Fotodokumentation, die innerhalb kurzer Zeit gestaltet wurde. Es handelt sich um ein Einblick in ein verhältnismäßig typisches Grenzdörfchen - man sieht alle Häuser, die Kirche mit dem Glockenturm und dem Friedhof, die prachtvolle Genossenschaftsbank, das alte und das neue Schulgebäude, das Gasthaus, die Schmiede und viele andere, sehr oft noch mit den Wirtschaftsgebäuden. Man sieht auch die Dorfbewohner, einmal festlich angezogen, ein andersmal mit Werkzeug, arbeitend. Aber wir befinden uns in einem Grenzdorf, das später in ein paar Jahrzehnten wortwörtlich dem Erdboden gleichgemacht wird. Und das ist der zweite Grund, warum wir dieses Projekt für bedeutend halten. So wird Lipová zu einem Vertreter von Hunderten vom gleichen Schicksal heimgesuchten Dörfern des Grenzgebietes - dem Schicksal des Sudetenlandes. Den heutigen Zustand der Dörfer sieht man im zweiten Teil des Projektes. Die renovierte Kirche blieb zwar stehen mitten im Dorf, aber der Glockenturm und der Friedhof sind verschwunden. Nur zwei Grabsteine, die sich bei der Kirchenwand ducken, sind verschont worden. Das Gasthaus sowie die Schmiede und eine ganze Reihe von anderen Häusern sind nicht mehr zu finden, stattdessen sind nur freies Gelände zu sehen. Wenn Sie nach Lipová kommen, sind es eben diese Freigeländen, die Ihnen unnatürlich vorkommen - sie sind wie Narben, wie wunde Punkte in unserer Geschichte, von denen bis vor kurzem nicht gesprochen wurde. Ein paar reparierte und gepflegte Häuser erwecken jedoch Hoffnung, dass zwischen den ,,Ankömmlingen" und ihrem Wohnort und Vermögen langsam eine Beziehung entsteht. Und diese Hoffnung strahlt aus unserem Projekt spürbar aus.
Die Fakten über die Gemeind
Spansdorf / Lipová wurde im Jahr 1352 zum ersten Mal erwähnt, damals trug es den Namen Spineri Villa. Seitdem hat sich sein Name mehrmals geändert, nach dem Jahr 1418 wird Lipowa oder Lipovie erwähnt, 150 Jahre später schon Spansdorff (Spannensdorf). Der Name hielt sich bis zum Ende des II. Weltkrieges.
Bis zum Ende des II. Weltkrieges lebten in der Gemeinde 200 Menschen. Bei der Volkszählung im Jahr 1890 zum Beispiel zählten die Beamten 178 Einwohner deutscher Nationalität. Das hat sich erst nach dem Jahr 1945 geändert, als alle deutschen Altansässigen aus Spansdorf weggehen mussten. Sie wurden durch die Neuankömmlinge vor allem aus xxx/ Kolín und Umgebung ersetzt. Die nächste Zuzugswelle fand in den Siebzigern statt, als in der Gemeinde die LPG erweitert wurde.
Auch die Anzahl von Häusern verringerte sich. Spansdorf hat zwar immer noch 41 Hausnummern, von den Häusern, die hier im Jahr 1915 standen, gibt es heute aber nur noch dreißig. Das Dorf veränderte sich aber bereits vor dem II. Weltkrieg, im Zentrum des Dorfes entstand zum Beispiel in den Dreißigern ein Haus, wo sich heute der Lebensmittelladen befindet. Auf die nächsten Bauten wartete das Dorf weitere vierzig Jahre. Wegen der LPG lies die kommunistische Partei Ende der 70./Anfang 80. Jahre kleine Einheitshäuschen (für Zootechniker und weiteres Fachpersonal) und zwei Plattenbauhäuser (für Melkerinnen, Traktoristen und weitere Angestellte der Genossenschaft) bauen.
Faktografické údaje pøevzaty z Úplného místopisného slovníku království èeského (Praha 1895) a z knihy Místní jména v Èechách: jejich vznik, pùvodní význam a zmìny (Praha 1949)